Das Wort zum Sonntag

 

Bischof  Dr. Gebhard Fürst

Rottenburg-Stuttgart

Wort zum Sonntag, 02.01.2011

 

Von der Sehnsucht nach mehr

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Rose Ausländer, die jüdische Schriftstellerin schreibt:

 

Die Seele der Dinge

lässt mich ahnen

die Eigenheiten

unendlicher Welten

 

Beklommen

such ich das Antlitz

eines jeden Dinges

und finde in jedem

ein Mysterium

 

Geheimnisse reden zu mir

eine lebendige Sprache

 

Ich höre das Herz des Himmels

Pochen in meinem Herzen

 

Weihnachten liegt hinter uns. Verklungen sind die Lieder von Wärme und Harmonie, Verklungen das Glück im Kreis der Familie. Vorbei auch die Zeit der hohen Erwartungen; die Zeit, in der all das nachzuholen war, was wir im Alltag, im ganz normalen Jahr nicht schaffen: füreinander Zeit zu haben, einander Wertschätzung und Liebe zu zeigen. - Will man Umfragen Glauben schenken, ist diese Zeit der hohen Erwartungen aber auch oft eine Zeit großer Enttäuschungen.

Die Seele der Dinge lässt mich ahnen die Eigenheiten unendlicher Welten, sagt Rose Ausländer. Auf das zurückliegende Weihnachtsfest übertragen heißt das: Die alljährlichen Erwartungen an dieses Fest sind auch Ausdruck unserer Sehnsucht. Unserer Sehnsucht, uns mit dieser Welt, wie sie ist, nicht zufrieden geben zu wollen. Es muss im Leben mehr als alles geben: Unsere Sehnsucht nach mehr: nach mehr Leben, nach mehr Geborgenheit, nach mehr Liebe. Beklommen such ich das Antlitz eines jeden Dinges und finde in jedem ein Mysterium, schreibt die Dichterin weiter. Beklommen ist sie: Denn: ist nicht unser Leben eine einzige Suche? Und wann bekommen wir gute, passende Antworten auf unsere Lebensfragen? Fragen, die aus einem einsamen Herzen aufsteigen? Oder Fragen, die unabweisbar kommen, wenn ich mich persönlich schuldig weiß? Wie viele Fragen tauchen auf nach einer zerbrochenen Beziehung. Erst recht, wenn Liebe unerfüllt bleibt!

Eine lebendige Sprache zu hören, wenn uns solche Lebensfragen und Lebensängste umtreiben, ist das nicht die einzige Antwort, die dann zählt? Wenn dieses Geheimnisvolle nicht stumm bleibt: die Seele der Dinge, der Menschen, der Ereignisse nicht leer bleibt, nicht gebrochen, nicht fremd, sondern mich ansprechen und ich eine Tiefe in allem ahne hinter der Oberfläche des Alltäglichen und Gemeinen. Wenn eine lebendige Sprache zu uns redet. Ein Wort, in dem Beziehung liegt oder das Beziehung stiftet. Geheimnisse reden zu mir eine lebendige Sprache. Im Wort ‚Ich liebe Dich!’ steckt das größte Geheimnis, das doch sehr lebendig zu mir spricht, wenn es denn gesprochen wird. Im hinter uns liegenden Weihnachtsfest hat Gott selbst dieses Ich liebe dich Mensch ausgesprochen. Er wird es immer wieder neu zu uns sprechen.

Was Christen an Weihnachten gefeiert haben, ist keine bloße Erinnerung an einen konkreten Moment vor über 2000 Jahren. Es ist ein Bild dessen, was wir als Menschen not-wendig brauchen – um überhaupt Mensch sein zu können. Auch um anderen das Menschsein lassen zu können. Leben, Geborgenheit, Wärme, Liebe steigt nur aus der Tiefe der Dinge auf. Wo wir dieses Wort Ich liebe Dich hören, da spüren wir „das Pochen des Himmels in unseren Herzen“  Und so lange wir Momente finden, die dieses Pochen des Himmels in unseren Herzen noch hörbar, spürbar werden lassen, so lange sind wir auf dem Weg der Menschwerdung. Schenken wir uns gegenseitig in der vor uns liegenden Zeit solche Momente, dass wir das Pochen des Himmels im Herzen spüren. Wo dies geschieht, da gibt es Hoffnung. Für uns als Gesellschaft, Hoffnung für die Kirche, Hoffnung für uns als Familien, für uns als einzelne:

Wer könnte atmen
ohne Hoffnung,
 

dass auch in Zukunft
Rosen sich öffnen,


ein Liebeswort
die Angst überlebt.

Schreibt Rose Ausländer.

Wer hofft, ist jung, sagt sie. - Und mit ihr grüße ich Sie zum neuen, zum noch jungen Jahr!

 

Wir danken Bischof Dr. Gebhard Fürst für die Erlaubnis “sein Wort zum Sonntag” hier veröffentlichen zu dürfen.